Konkurrierende Deutungen des Sozialen. Geschichts-, Sozial- und Wirtschaftswissenschaften im Spannungsfeld von Politik und Wissenschaft

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„Das vorliegende Buch, welches unter der Ägide der Soziologieprofessorin Claudia Honegger und des Historikers Hans-Ulrich Jost an der Universität Bern entstanden ist, erschliesst ein hierzulande von der Historiographie und der Wissenschaftsgeschichte bisher wenig bearbeitetes Feld und leistet daher in mehrfacher Hinsicht Pionierarbeit. In einem weiten historischen Bogen vom frühen 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart untersuchen die Autorinnen und Autoren die Entwicklung von Geschichte, Staatsrecht, Statistik, Politologie, Soziologie und Wirtschaftswissenschaften in der Schweiz. Im Besonderen geht es um ‚die Wissenschaftskonkurrenz in der Schweiz, wobei durch Vergleiche mit den Gegebenheiten in anderen Staaten die spezifisch helvetische Entwicklung herausgearbeitet wird‘ (S.9).
Die Untersuchung ist faktengesättigt und versammelt eine Fülle von historischen Quellen und Daten. Sie basiert unter anderem auf einer umfassenden gesamtschweizerischen Liste der Vorlesungen und Seminare, sowie der Artikel in den einschlägigen Fachzeitschriften von 1943 bis 2000. Diese aussergewöhnliche thematische und empirische Fülle verdankt sich dem Forschungsverbund zweier Teilprojekte, die im Rahmen des Schwerpunktprogramms ‚Zukunft Schweiz / Demain la Suisse‘ des Schweizerischen Nationalfonds realisiert wurden. Entsprechend ist das Buch in zwei Teile gegliedert, wobei der erste Teil ‚Sozialwissenschaften als Staatswissenschaften‘ von Hans-Ulrich Jost und der zweite Teil ‚Die Ökonomisierung des Sozialen‘ unter der Leitung von Claudia Honegger verfasst wurde. Letzterer besteht aus zwei historischen Überblicksdarstellungen zur Geschichte der Wirtschaftswissenschaften. Pascal Jurt verfasste dazu die Kapitel zur Volkswirtschaftslehre und Susanne Burren jene zur Betriebswirtschaftslehre. In ihrer wissenschaftshistorischen Einleitung gelingt es Claudia Honegger, den breiten Stoff theoretisch zu verklammern. Honegger verweist auf die enorme Bedeutung des Nationalstaates für die Etablierung der Sozialwissenschaften, welche zu einer ‚Abhängigkeit in der Unabhängigkeit‘ führte. Die wissenschaftlichen Felder erhielten ihre Autonomie nämlich erst dadurch, dass sie vom Staat unterhalten wurden und deshalb nicht den unmittelbaren Sanktionen des Marktes unterworfen waren. Daraus ergab sich eine Ambivalenz, die sich darin äussert, dass beispielsweise die Nationalökonomie stets auch ‚als Politikberatung funktioniert respektive direkt Wirtschaftspolitik verantwortet‘ (S.34). Im Kleinstaat Schweiz mit seinem föderalen System und den kleinen Universitätsstädten sei die Autonomie von wirtschafts-, sozial- und geisteswissenschaftlichen Disziplinen dementsprechend labil.
Das Verhältnis von Staat und Wissenschaft ist konsequenterweise eine leitende Hinsicht von Hans-Ulrich Josts Untersuchung der Entwicklung der Sozialwissenschaften im schweizerischen Kontext. Er skizziert zunächst die frühen Traditionen von Geschichte, Statistik, juristischen Wissenschaften und Soziologie. In der Verfassungsrevision von 1874 sieht Jost den Ausgangspunkt bundesstaatlicher Bildungs- und Universitätspolitik. Die Juristen hätten von der staatlichen Nachfrage nach akademischen Spezialisten profitiert und die Geschichte habe im ‚Schlepptau der Politik‘ (S. 58) eine wichtige Rolle bei der gesamtgesellschaftlichen Sinngebung erhalten. Dagegen sei die Entfaltung der Statistik, der Nationalökonomie und der Soziologie beschränkt geblieben. Ab dem Ersten Weltkrieg stagnierte die Entwicklung und die ‚patriotisch-politische Entmündigung der Sozial- und Geisteswissenschaften‘ im Zuge der ‚geistigen Landesverteidigung‘ führte, so Jost, bis 1945 zu einem ‚riesigen kognitiven und institutionellen Handicap‘ (S. 77). […] Pascal Jurt beschreibt in einer Fallanalyse der Volkswirtschaftslehre, wie sich die Nationalökonomie bis 1945 zunächst von den Staatswissenschaften abgelöst hat und eine Vielfalt von Ansätzen wie den ‚Kathedersozialismus‘, den Freihandel und die historische Schule umfasste. Der flächendeckende Ausbau des Fachs nach dem Zweiten Weltkrieg war begleitet von der vermehrten Übernahme englischsprachiger Begriffe und Konzepte. Das Selbstbewusstsein der Volkswirtschaftslehre als ‚Königin der Sozialwissenschaften‘ bröckelte jedoch nach der Wirtschaftskrise der 1970er Jahre zunehmend ab, und der makroökonomisch orientierte Ansatz verlor in den 1990er Jahren gegenüber den mikroökonomischen Ansätzen der Betriebswirtschaftslehre an Boden.
Susanne Burren zeigt in ihrer souveränen Darstellung der Betriebswirtschaftslehre, dass die Praxis- und Berufsorientierung, welche den Ruf der Hochschule St. Gallen als ‚Kaderschmiede‘ begründet, aus der Tradition der Handelshochschulbewegung des 19. Jahrhunderts hervorgegangen ist. Gemäss Burren beruhte das Wachstum des Faches gerade darauf, dass es über ‚eine lange Tradition im Bereich der kommerziellen universitären Dienstleistungen und der funktional auf die Bedürfnisse der Privatwirtschaft ausgerichteten Forschungs- und Lehrtätigkeit‘ (S. 334) verfügte.
Insgesamt besticht das Werk durch seine Materialfülle und die bis anhin einzigartige Breite. Für die Historiographie und Wissensgeschichte der sozial- und geisteswissenschaftlichen Disziplinen liefert es wertvolle Grundlagen und zahl reiche Spuren, denen weiter nachzugehen wäre. Der internationale Vergleich wurde entgegen der eigenen Absicht in den Hintergrund gerückt und es wäre mitunter wünschenswert gewesen, wenn der Detailreichtum zugunsten der Deutung etwas zurückgestellt worden wäre. In Anbetracht der aktuellen bildungspolitischen Umbrüche und der anhaltenden Bestrebungen, die Sozial- und Geisteswissenschaften an politischen und wirtschaftlichen Nützlichkeitskriterien auszurichten, schärft das Buch den Blick für die damit verbundenen Risiken. Es bleibt mit den Autorinnen und Autoren zu hoffen, dass es dazu genutzt wird, solche Diskussionen vermehrt vor dem Hintergrund der Genese der Geschichts-, Sozial und Wirtschaftswissenschaften und ihrer jeweiligen partikularen Sicht führen zu können, zumal diese aufgrund von Diskurskoalitionen zum Durchbruch gelangen oder aber an den Rand gedrängt werden können.“
Koni Weber, Schweizerische Zeitschrift für Geschichte, Nr. 2/2009