Frauen in der Soziologie. Neun Portraits

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„Die Herausgeberinnen liefern hier ein meisterliches Doppelstück: ein attraktives Lesebuch mit Monografien zu neun Soziologinnen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, und Ansätze zu einer Sozialgeschichte von Frauen in der damals entstehenden gesellschaftswissenschaftlichen Disziplin. Vorgestellt werden Autorinnen aus Frankreich, Grossbritannien, Deutschland, Österreich und den USA. In den jeweiligen nationalen und historischen Kontexten waren sie mit unterschiedlichen Schwierigkeiten und Möglichkeiten konfrontiert, ihren soziologischen Neigungen nachzugehen, sich im entstehenden Fach Gehör zu verschaffen und gegebenenfalls auch ein Auskommen zu finden. Für alle im Band Porträtierten gilt, dass sie mit hochkarätigen soziologischen Beiträgen hervorgetreten sind, die für die kognitive Tradition des Faches bedeutsam waren. Trotzdem konnten sie im Gedächtnis der Disziplin (bisher) keinen gebührenden Platz einnehmen.
Die von Honegger und Wobbe versammelten biobibliographischen Essays schildern die Wege der neun Frauen zur soziologischen Praxis und erörtern den institutionellen und politischen Kontext ihres Schaffens. Kritisch wird ausserdem die inhaltliche Bedeutung des jeweiligen Werkes in ihrer Zeit und für die soziologische Gegenwart gewürdigt. So vereinen die einzelnen Beiträge Fallstudien zur Verdrängung dieser Frauen aus Kanon und Profession und Empfehlungen zur Wiederentdeckung der entsprechenden Werke. In ihrer Einleitung führen die Herausgeberinnen die Fallstudien der einzelnen Beiträge souverän zusammen. Sie diskutieren die Gendering-Problematik unter anderem im Hinblick auf generationsspezifische Gemeinsamkeiten und Unterschiede der ausgewählten Soziologinnen. Honegger und Wobbe bauen dabei auf den aktuellen Literaturstand zur internationalen Soziologiegeschichte und auf eigene Forschungen auf. Wie der Band überzeugend illustriert, war die Rolle der Frau von Anfang an Thema in der Soziologie. Comte und andere Protosoziologen, die unter dem Eindruck der Auflösung traditioneller Ordnung gesellschaftliche Ungleichheit und Dynamik zum Gegenstand ihres Interesses machten, nahmen die Geschlechterdifferenz allerdings nicht als soziologisches Problem wahr. Vielmehr wurde sie biologisiert bzw. physiologisiert und der soziologischen Reflexion vorangestellt.“
Rainer Egloff, Schweizerische Zeitschrift für Soziologie, Nr. 27/2001

„This book opens a hidden window into ‘a forgotten tradition’. It includes a diverse group of nine thinkers, researchers, reformers, and practitioners who actively helped create und institutionalize sociology. This volume extends efforts made by other scholars to document the fundamental contributions made by women to articulate and establish the field. Offering a glimpse at the life and work of early sociologists, the book also reflects the historical and cultural context of the nineteenth and twentieth centuries in Germany, Great Britain, France, Austria, and the United States. The biographical sketches and the work of these women are divided into three periods, recording their ‘thought about the relationship between modernity and femininity, theory and praxis, social structure and culture” (p. 10). […] Of great value in this volume are the lists of the original works of these early sociologists, as well as the lists of research done by others about these women. This book should be required reading in any course about the history of sociology or the history of knowledge. These women were pioneers in crafting social theories and conducting empirical social research and in the cognitive development of sociology. The questions they raised resemble the questions we raise today, and the concerns in their daily lives are often the daily concerns of our lives. […] The only drawback for an American readership of this well-written and organized volume is that it is published in German and thus limited to those who are fluent in that language. I hope it will be recognized as a volume worthy of translation and publication in English.”
Ingrid Sandole-Staroste, Contemporary Sociology, Nr. 28/1999

„Vorgestellt werden Pionierinnen der Sozialtheorie und der empirischen Sozialforschung, die im 19. und 20. Jahrhundert entscheidende Beiträge zur Soziologie leisteten und ihre intellektuelle oder wissenschaftliche Tätigkeit zu einem wichtigen oder zentralen Bestandteil ihres Lebens machten. Die Beschäftigung mit ihren Biographien und ihrem Werk eröffnet nicht nur den Blick auf die kollektiven Möglichkeiten von Frauen, die wissenschaftliche Tätigkeiten zu einem Teil ihres Lebens oder zum Beruf zu machen, sondern öffnet darüber hinaus den Blick auf einen bislang verborgenen Teil des Faches Soziologie: ‚Dass Frauen heute bei der Öffnung von Erkenntnisfeldern eine aktive Rolle spielen, gehört inzwischen zum Wissen der Profession. Dieser Band über soziologische Denkerinnen soll dieses Wissen festigen und das Gedächtnis der kognitiven Traditionen des Faches erweitern.‘ (27)“
JSH, Zeitschrift für Politikwissenschaften, Nr. 3/98