«Wir hatten Spass und machten Ernst»

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1968 war Claudia Honegger zwanzig, Studentin und mittendrin. Später befasste sie sich als Soziologin auch mit Widerstandsformen.

Von Marie-Josée Kuhn

work: Claudia Honegger, Sie haben kürzlich in einem Interview gesagt, es sei für eine Zwanzigjährige 1968 ­lustiger gewesen als heute. Wie ­kommen Sie darauf?
Claudia Honegger: Na ja, die Zwanzigjährigen von heute haben es bestimmt auch lustig; was ich aber sagen wollte, ist: 1968 war sehr viel los, es herrschte Aufbruchstimmung, und wir dachten, so, jetzt wird alles anders, wir verändern die Welt. So eine Aufbruchstimmung, dass man Spass haben, gleichzeitig aber auch wichtige Dinge tun kann, die gibt es heute nicht.

Was für wichtige Dinge?
Ende der 60er Jahre kam ganz viel Unzufriedenheit zusammen: Unzufriedenheit mit dem Schulsystem, mit den autoritären Strukturen, in der Familie, aber auch an den Unis, mit der traditionellen Rollenverteilung zwischen Mann und Frau. Unzufriedenheit mit der Unterdrückung der Schwarzen in den USA, mit der Unterdrückung der Länder des Südens und so weiter. All das kam 1967, 1968, 1969 als grosser Wirbel zusammen: Proteste gegen den Vietnamkrieg, Proteste gegen die Ermordung von Martin Luther King, Proteste gegen die zum Teil brutalen Einsätze der Polizei. Es verbreitete sich das Gefühl «Jetzt reicht’s, es muss sich ändern!».

Sie haben auch gesagt, 68 seien die ­Jungen gerne und viel tanzen ­gegangen. Das ist doch normal, oder?
Man kann sich das heute ja kaum mehr vorstellen, aber es gab damals für junge Leute gar kein Nachtleben. Es gab den Uniball, und es gab Dancings, die waren sehr teuer. Aber es gab praktisch keine Orte, wo sich die Jungen locker treffen und eben auch tanzen konnten. Die Forderung nach einem autonomen Jugendzentrum war damals die Triebfeder der 68er Revolte in der Schweiz. Ihr konnten sich ganz unterschiedliche Jugendliche anschliessen.

68 war also nicht nur eine Studenten- und Studentinnenbewegung?
Nein, die Bewegung war sehr breit, da gab es auch Rocker, Feministinnen, Lehrlinge, Friedensaktivisten, Schülerinnen, Hippies, Drucker, Künstlerinnen. Klar, die männlichen Studenten waren schon dominant, weil sie viel redeten, die Leitung behalten und sagen wollten, was man machen müsste. Ich erinnere mich auch an Marx-Schulungskurse der «Fortschrittlichen Arbeiter, Schüler und Studenten» (FASS) in Zürich. Da mussten die Lehrlinge durch, sie bekamen sogar Hausaufgaben, mussten lesen und lernen. Und das abends, nach einem strengen Arbeitstag. Dass die Studentinnen und Studenten 68 im Vordergrund standen, ist schon richtig, denn sie verkörperten das Jugendliche mit diesem Gefühl von «Was kostet die Welt?». Es gab ja auch den Slogan «Trau keinem über dreissig!». Aber es gab rundherum auch viele ältere Sympathisanten. 68 brachte die unterschiedlichsten Leute zusammen. Das Gemeinsame, das war schon wichtig und toll.

Noch herrschten aber Mief, Enge und Biederkeit der 50er Jahre: 1968 hatten die Frauen noch kein Stimmrecht. Und wenn sie arbeiten gehen wollte, musste eine Ehefrau theoretisch ihren Mann um Erlaubnis fragen …
… gerade weil es so rigide war, brodelte es überall. Bereits in den frühen 60er Jahren hatten die sogenannten Nonkonformisten begonnen, dieser starren Gesellschaft kleine Stiche zu versetzen. Das System war 68 also bereits etwas durchlöchert. Für viele Junge war das alte Eherecht jenseitig. Inakzeptabel. Genauso wie das fehlende Stimmrecht der Frauen. Oder der Kuppelei-Paragraph: Ohne Trauschein durfte man ja offiziell keine Wohnung mieten. Und auch kein Hotelzimmer. Homosexuell zu sein war sowieso geächtet. Und es herrschte der Kalte Krieg.

Wie spürte man den?
Wer Kritik am System übte oder am Vietnamkrieg, wurde sofort verdächtigt, von der Sowjetunion ferngesteuert zu sein. «Moskau einfach!» hiess es dann immer. Und da war der Fichenstaat: Die Schweiz hat fast eine Million Menschen bespitzelt und fichiert. Und wissen Sie, warum ich in die Fichen geriet? Wegen einer Veranstaltung des Zürcher Frauenstimmrechtsvereins. Eigentlich unglaublich, denn der Stimmrechtsverein war im Prinzip der personifizierte weibliche Freisinn. Das war eine durch und durch bürgerliche Angelegenheit. An dieser Veranstaltung schrieb ich eine Resolution fürs ­Frauenstimmrecht, die ein bisschen radikaler formuliert war. So im Stil: «Nun reicht’s aber!» Darum wurde ich fichiert. Das muss man sich mal vorstellen, selbst die Züriberg-Frauen wurden damals bespitzelt. Der Druck, konform zu denken und zu handeln, war riesig. Niemand wurde Professor an den Unis, der nicht angepasst und bürgerlich war, schon gar keine Frau. Ganz anders war die Uni in Frankfurt, wo ich ab 1970 studiert habe. Dort gab es die kritische Theorie. Das hatte mit der Frankfurter Schule zu tun, also mit den beiden jüdischen Intellektuellen Max Horkheimer und Theodor W. Adorno, die bereits Ende der 50er Jahre aus dem US-Exil nach Deutschland zurückgekehrt waren.

68 hat also vor 68 begonnen?
68 ist bloss eine Chiffre, wegen des Mai 68 in Paris. 68 war zudem stark national gerahmt. In der Schweiz kämpften wir wie gesagt gegen den Mief, für mehr Non­konformität und mehr Freiräume. In Deutschland hingegen stand das Generationenproblem im Vordergrund, die nicht verarbeitete Geschichte des Nationalsozialismus. Auch innerfamiliär. In Frankreich wiederum kam es 68 fast zu einer Revolution. Die Linke, die Kommunisten und Gewerkschaften waren dort sehr stark und hatten eine Massenbasis hinter sich. Ein 68 gab es auch in der Türkei, in Südamerika und Nordafrika, das haben die Historiker inzwischen aufgearbeitet. Und so fühlte man sich als Teil einer grossen internationalen Bewegung.

Es gibt die These, 68 habe dreissig ­Jahre lang gedauert, weil die 68er ­später an die Macht gekommen seien. So wie etwa der Grüne Joschka Fischer in Deutschland. Einverstanden?
Nur, wenn man Christoph Blocher dazuzählt. Blocher war 68 auch an der Uni, er war zwar älter, weil er den zweiten Bildungsweg machte, aber er war mitten in der Studentenbewegung, wenn auch dagegen. Aber auch er wurde damals politisiert, hat einiges gelernt, frech zu sein zum Beispiel. Nur fehlte seiner Rüpelhaftigkeit schon damals der Charme.

Wer hat denn sonst noch von 68 profitiert?
Sicher die Sozialdemokraten, die sich erneuern und ihre Themen erweitern konnten, weil 68erinnen und 68er der Partei beitraten. Auch die Gewerkschaften. Ein Teil der 68er, vor allem die Trotzkisten, gingen später in die Gewerkschaften, um sie zu unterwandern. Entrismus nannten sie das. Schliesslich war 1968 auch die ­Geburtsstunde der neuen Linken: 1969 wurden sowohl die Sozialistische Arbeiterpartei (SAP) gegründet als auch die Progressiven Organisationen (Poch).

1969 hielten Sie in Zürich die ­1.-Mai-Rede. Das war allerdings ­umstritten, oder?
Nachdem die Gewerkschaften und die SP eingewilligt hatten, dass jemand vom FASS reden durfte, gab es Vorbehalte gegen mich als «Kapitalistentochter». Doch die offizielle 1.-Mai-Parole lautete «Stimmrecht ist Menschenrecht». Zwei Gewerkschafter sollten dazu reden und von der SP Jean Ziegler. Nach einigem Hickhack fand man dann doch, eine Frau reden zu lassen wäre nicht falsch. So kam ich zu diesem Auftritt.

Und wie hat das Publikum reagiert?
Es war begeistert und hat «Rosa Luxemburg» skandiert.

Sie waren ja auch eloquent und sahen super aus … 1968 wurde die Frauen­befreiungsbewegung (FBB) gegründet. Sie waren eine der Mitbegründerinnen. Wovon wollten Sie sich befreien?
Damals gab es ja noch den Abtreibungsparagraphen. Du konntest schon abtreiben, aber es war kompliziert, du brauchtest ein psychiatrisches Gutachten oder musstest für eine Abtreibung nach Amsterdam. Dagegen haben wir gekämpft. Wir engagierten uns auch fürs Stimmrecht. Und gegen die klassische Rollenverteilung. Einige Frauen in der FBB waren schon älter und hatten Kinder. Wir wollten die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Es gab damals den Slogan «Das Private ist politisch». Wir argumentierten, dass Frauen kochen, haushalten und für die Kinder schauen müssen, ist nicht Privatsache, das ist politisch. Und muss in der Politik endlich mitüberlegt werden.

Die linken Macker nannten das den Nebenwiderspruch. Im Unterschied zum Hauptwiderspruch zwischen Arbeit und Kapital …
… ach ja, das kommt von Marx, ist aber aus der Judenfrage. Bei Marx ist die Emanzipation der Juden der Nebenwiderspruch. Und hat man erst den Hauptwiderspruch gelöst, löst sich der Nebenwiderspruch von alleine. Man hat das dann eben einfach auf die ­Emanzipation der Frauen übertragen. Doch in Zürich war 68 nicht so doktrinär wie zum Beispiel in Frankfurt. Wir konnten es uns also leisten, zu sagen, okay, dann bin ich halt ein Neben­widerspruch, aber ein ziemlicher!

Zum Beispiel als die FBB an einem Schönheitswettbewerb der Modezeitschrift «Annabelle» auftrat?
Die «Annabelle» veranstaltete eine Art Misswahl auf einem Schiff auf dem Zürichsee. Eine Frau aus der FBB machte mit und wurde prämiert. Als Preis erhielt sie eine Menge Kleider. Für uns war das Ganze wie eine Viehschau. Geht gar nicht, dachten wir, schminkten uns und machten mit diesen Kleidern eine Protestversteigerung auf der Strasse. Ein lustiges Sit-in.

68 lagen Spass und Ernst nahe bei­einander, oder?
Es gab zwar schon die, die nur Spass haben wollten. Oder die, denen es nur ernst war, zum Beispiel die harten K-Gruppen*. Aber ja, wir hatten Spass und machten Ernst. Dass man es auch lustig haben darf, lehrt auch Herbert Marcuse. Er wurde damals von vielen gelesen, denn er war weniger kompliziert als die anderen kritischen Theoretiker. Marcuse betonte ganz stark die subjektiven Faktoren, dass man sich nicht immer nur unterordnen und keine Parteisoldatin werden soll. Dass man nicht nur die Revolution im Kopf haben soll. Er meinte, wir sollten auch glücklich sein.

Selbstverwirklichung und Solidarität?
Das gehörte zusammen. Die Solidarität war zentral, besonders die internationale Solidarität. Bei Herbert Marcuse gab’s ja auch diese Suche nach dem revolutionären Subjekt. Für ihn war das nicht länger der klassische Proletarier, sondern ganz stark auch die Drittweltbewegungen und eben die Frauen.

Was bleibt von 68?
Vor allem die Emanzipation der Frauen und der Homosexuellen.

Das SVP-Blatt «Weltwoche» behauptet, all die rot-grün regierten Städte plus alle «linken Mainstream-Medien», das alles komme von 68. Sehen Sie das auch so?
Der Witz ist, 68 waren ausgerechnet «Weltwoche» und «Basler Zeitung» die ­liberalsten und fortschrittlichsten Zeitungen. Im Gegensatz zur NZZ, sie warnte: «Wehret den Anfängen!» Und heute stehen «Weltwoche» und «Basler Zeitung» weit rechts und erzählen solchen Blödsinn. Sehr schnell nach 68 erstarkten die restaurativen Kräfte. Ab den 90er Jahren dominierte der Neoliberalismus. Es ging wieder rückwärts. Wir müssen endlich die «Weltwoche» zurückkaufen. Oder besetzen. Mit einem Go-in.

* Als K-Gruppen wurden maoistisch orientierte Vereinigungen bezeichnet, die vor allem in der ersten Hälfte der 1970er Jahre eine gewisse Rolle innerhalb der neuen Linken spielten.