Was tun und denken Banker?

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DURCH DEN MONAT MIT CLAUDIA HONEGGER (TEIL 3)

Die Soziologin Claudia Honegger erzählt, warum es Frauen im Investmentbanking selten lange aushalten und was sie bei ihren Recherchen in der Bankenwelt am meisten überrascht hat.

Von Susan Boos

WOZ: Frau Honegger, was ist Ihre erste Erinnerung an Geld?
Claudia Honegger: Das ist eine lustige Frage. Taschengeld und Maikäfergeld, glaube ich. Wir erhielten einmal in einem Flugjahr als Kinder zwanzig Rappen für ein Kilo Maikäfer, die in riesigen Säcken durcheinanderkrabbelten und ziemlich eklig waren. Maikäfer gibt es ja nicht mehr.

Und was bedeutet es Ihnen heute?
Lebendig, krabbelnd und ein wenig unheimlich ist es irgendwie geblieben. Aber genug davon zu haben, bedeutet die Freiheit, sich um andere Menschen und Dinge kümmern zu können, die einem wichtig sind.

Sie haben im letzten Jahr das Buch «Strukturierte Verantwortungslosigkeit» mit herausgegeben, in dem über dreissig Banker und Bankerinnen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz zu ihrem Job und zur Finanzkrise befragt wurden. Wie kam es zu dem Buch?
Es war im Herbst 2008, Lehman Brothers war kollabiert, und in der Schweiz hatte man gerade das Rettungspaket für die UBS geschnürt. Wir sassen nach einem Vortrag des Soziologen Sighard Neckel in Bern im Restaurant Casa d’Italia beim Nachtessen und unterhielten uns über die Krise: Was war da eigentlich passiert? Was taten diese Banker den ganzen Tag? Wir beschlossen, mit ihnen zu reden, herauszufinden, wie sie die Krise erlebten und deuteten – und ob sie sich für das Debakel verantwortlich fühlten.

War es schwierig, Leute zu finden, die bereit waren zu reden?
Am Anfang schon, aber wir waren ja ein grosses Team, viele kannten jemanden, der bei einer Bank arbeitet. So hat sich bald ein Schneeballsystem entwickelt. Nur bei den Frauen im Investmentbereich war es schwieriger.

Gibt es viele Frauen in diesem Geschäft?
Nein, im Gegensatz zum Private Banking gibt es unter den Investmentbankern oder Brokern nur eine kleine Gruppe von Frauen. Investmentbankerinnen mussten wir gezielt suchen. Es ist nicht gerade eine frauenfreundliche Umgebung. Am Abend geht man gemeinsam in die Bar oder ins Stripteaselokal, klopft sexistische Witze und leistet sich High-Heels-, High-Level-Prostitution – alles nur vom Feinsten. Eine Frau kann das zwei, drei Jahre als Herausforderung sehen, eine Weile mag es witzig sein. Sie wird hofiert und geniesst einen Exotinnenbonus, aber irgendwann wird es den meisten zu viel.

Haben die Banker offen geredet?
Wir haben ihnen ja Anonymität garantiert. Die, die uns dann Interviews gaben, haben oft geredet wie ein Wasserfall und waren kaum mehr zu stoppen.

Wenn man die Gespräche liest, erhält man den Eindruck, viele hätten nicht das geringste Unrechtsbewusstsein. Stimmt das?
Sicher für die sogenannten «Quants», oft Physiker oder Mathematiker, die für die Banken die komplexen strukturierten Produkte gebastelt und die Modelle konstruiert haben. Sie fühlen sich wirklich unschuldig. Sie sind der Meinung, sie hätten nur das Handwerkszeug bereitgestellt – was damit angestellt wird, liege nicht in ihrer Verantwortung. Sie vergleichen sich mit Ingenieuren, die Waffen entwickeln, für die Politik des Krieges aber nicht zuständig sind.

Was hat Sie bei all den Gesprächen am meisten überrascht ?
Dass die Verantwortung immer verschoben wurde: von den Quants zur Chefetage, vom Private Banking zu den Investmentbankern, von denen zur Politik, zur Kundschaft und schliesslich zur Gier des Menschen schlechthin. Zudem, dass Banker sehr oft in einer völlig abgeschotteten Welt leben. Das materialisiert sich zum Beispiel im Gebäude der UBS in Opfikon. Die Banker fahren mit dem Auto in die Tiefgarage und mit dem Lift zum Arbeitsplatz, im Gebäude gibt es ein Fitnesszentrum, eine Sauna und ein Restaurant. Die Banker sehen den ganzen Tag nur UBS-Leute. Freunde von Bankern sind oft auch Banker, es ist beinahe eine Parallelgesellschaft.

Konnten Sie auch mit Bankern von der Konzernspitze reden, mit den Superchefs?
Wir hatten zum Teil auch Gespräche mit den Obersten. Die konnten wir aber nicht gut anonymisieren, weil man sofort gemerkt hätte, wer da spricht. Sie haben aber auch nicht mehr erzählt als das, was sie in der Öffentlichkeit immer erzählen: Sie reden in Sprechblasen – man erfährt nicht viel Neues.

Die Banker verdienen immer noch unverschämt gut. Haben sie kein schlechtes Gewissen dabei?
Nein, sie blenden das eher aus. Sie vergleichen sich nur untereinander. Sie wissen natürlich, dass ein Assistenzarzt viel, viel weniger verdient – obwohl er wichtigere Arbeit leistet. Aber das wird verdrängt. Es ist auch eine extreme Versuchung, wenn du als Investmentbanker eine Million an Boni kassieren kannst. Das sind meist relativ junge Männer, die rund um die Uhr unter Strom stehen. Sie haben immer nur Kurse und Zahlen im Kopf, das schaffen sie oft nur mit Alkohol, Koks und Tabletten. Mit vierzig sind sie dann fertig, physisch und psychisch. Dieses Tempo hält niemand länger aus.

 

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