Susanne Burren und Katrin Rieder (2000): Organismus und Geschlecht in der genetischen Forschung. Eine wissenssoziologische Studie.

Gegenwärtig befinden sich die biowissenschaftlichen Erklärungsmodelle in einem fundamentalen Umbruch: Es zeichnet sich ab, dass die herkömmlichen reduktionistischen, linearen und hierarchischen Modelle an Geltungskraft verlieren und durch Netzwerk- und Systemmodelle abgelöst werden, in welchen das Zusammenspiel einer Vielzahl von Faktoren im Zentrum steht. Diese Veränderung der wissenschaftlichen Denkmuster betrifft mit der Geschlechterdifferenz und der Dichotomie Natur-Kultur auch die grundlegenden Ordnungsschemata der modernen Wissenschaften.

Die Studie widmet sich diesem Themenkomplex in den zwei Teilen „Die Organisation des Organismus: von der genetischen Steuerung zum komplexen System“ und „Der X-Y-Mythos – Konstruktion von Geschlecht in der Genetik“. Dabei wird die Frage gestellt, ob zwischen den Veränderungen in der biowissenschaftlichen Organismuskonzeption und dem Wandel in der Geschlechterkonzeption Zusammenhänge oder Analogien konstatiert werden können. Inwiefern stellt die Transformation der biowissenschaftlichen Konzepte und der ihnen zugrundeliegenden Deutungsmuster einen Paradigmawechsel dar, der die zentralen Aspekte der modernen biologischen Epistemologie berührt und ebenso für die Konstruktion von Geschlecht nicht wirkungslos bleibt?