Sonja Merwar (2010): Erfahren und zertifiziert. Zur Anerkennung der informell erworbenen Bildung.

Die Arbeit „Erfahren und zertifiziert – zur Anerkennung der informell erworbenen Bildung“ untersucht das vom Bundesamt für Berufsbildung und Technologie (BBT) lancierte Projekt „Validierung von Bildungsleistungen“. Teilnehmende können in diesem Verfahren ihre beruflich und ausserberuflich erlangten Handlungskompetenzen validieren und bei Erfüllung der erforderlichen Qualifikationen mit einem eidgenössisch anerkannten Abschluss formell zertifizieren lassen.

Die Anerkennung der informell erworbenen Bildung steht für einen Perspektivenwechsel im Bildungssystem, denn es passt sich dadurch an die Erfordernisse eines flexiblen Arbeitsmarktes an. Für die Teilnehmenden wird die Stellung auf dem Arbeitsmarkt durch einen entsprechenden Berufsabschluss verbessert. Zudem trägt die Möglichkeit einer solchen Zertifizierung dem Bedürfnis nach individueller Flexibilität Rechnung. Gleichzeitig ist damit aber auch ein Eingriff in die individuellen Lebensläufe verbunden; wenig qualifizierte Personen werden in der lebenslangen Lerngesellschaft zunehmend stigmatisiert.

Die soziologische Kontextualisierung des Projektes „Validierung von Bildungsleistungen“, die ihm zugrunde liegenden Strukturen sowie die subjektive Deutung der daran Teilnehmenden, die sich in den jeweiligen Selbstbildern und alltagsweltlichen Bildungsvorstellungen manifestiert, bilden das Erkenntnisinteresse der Studie. Um das Projekt in seiner Ausgestaltung umfassend zu betrachten, wurden drei empirische Zugänge gewählt. Ein Expertinneninterview mit der Projektleiterin liefert wichtige Informationen über den Stand des Projektes auf nationaler Ebene. Danach erfolgt die sequenzanalytische Erschliessung der Strukturlogik anhand einer Broschüre zum Verfahren. Den letzten und umfassendsten Zugang bilden vier Interviews mit Teilnehmenden, die Aufschluss über ihre subjektive Sichtweise geben. Die theoretische Einbettung erfolgt einerseits durch soziologische Studien der veränderten Bildungs- und Arbeitsorganisation, andererseits werden die Resultate anhand von Konzepten der Chancengleichheit, der Titelinflation und der lebenslangen Lerngesellschaft diskutiert.