Mathias Domenig (2010): Die Mission des Hugo Chávez. Zur «bolivarischen Revolution» in Venezuela.

Die Wahl von Hugo Chávez zum Präsidenten Venezuelas im Jahr 1998 war die Folge einer jahrelangen politischen und wirtschaftlichen Krise des Landes. Mit ihm gewann der Kandidat, der sich am meisten von den traditionellen Kräften unterschied. Der enorme Bodenreichtum Venezuelas hatte nicht zu einer dynamischen Entwicklung geführt, von der sämtliche sozialen Schichten profitieren, sondern zu einem klientelistischen System und der Verflechtung von Privatwirtschaft und Politik. Die von Chávez in die Wege geleitete „bolivarische Revolution“ ist eine Reaktion darauf und kämpft gegen soziale Exklusion, Armut und für mehr politische Partizipation „von unten“. Chávez wurde zum prominentesten Aushängeschild eines in den letzten Jahren stattgefundenen Linksrutsches in Lateinamerika und polarisiert aufgrund seiner teilweise aggressiven Rhetorik und populistischen Massnahmen nicht nur in Venezuela sondern weltweit. In Konfrontation mit der kapitalistischen Wirtschaftsordnung und den imperialistischen Bestrebungen der USA propagiert er radikal ein alternatives Gesellschaftsmodell: den „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“. Im Kampf um die gesellschaftliche Hegemonie wird der Sturz der vermögenden Klasse und der traditionellen Eliten angestrebt. Diese Revolution sieht Chávez als seine persönliche Mission.

Neben der Erläuterung der wichtigsten Etappen der venezolanischen Revolution gilt das Hauptinteresse der Studie der Identifizierung zentraler Theorien und Themen in den politischen Diskursen des Präsidenten. So kann ein analytisches Modell der Ideologie der „bolivarischen Revolution“ gebildet werden. Folgende Ideologeme werden ausführlich diskutiert: der Bolivarismus und der Einfluss von Vertretern des „lokalen Heldentums“ (Simón Bolívar, Ezequiel Zamora, Simón Rodríguez, Fidel Castro, etc.); Strömungen des kritischen Marxismus; Anti-Neoliberalismus, Antiimperialismus, Antiamerikanismus sowie Kapitalismus- und Globalisierungskritik; christlicher Sozialismus und Befreiungstheologie, Nationalismus und Militarismus sowie die Vision einer sozialistischen Gesellschaft.
Die These wird vertreten, dass es sich um ein schwach artikuliertes Konglomerat verschiedener, sich ergänzender Einflüsse handelt, welches wählerorientiert und programmatisch präsentiert wird. Die untersuchten Reden und Interviews lassen eine kohärente konzeptionelle Argumentation vermissen. Chávez geht es offenbar nicht primär um die Kreation einer logischen und abgeschlossenen Ideologie. Sein Programm lässt sich vielmehr als ein Gerüst von anpassungsfähigen und vielseitig einsetzbaren Argumenten und nationalen Werten beschreiben, welche als handlungsleitend dargestellt werden und der Legitimierung politischer Positionen und Entschlüsse dienen. Die „bolivarische Revolution“ basiert entsprechend auf einer Mischung von Elementen, welche aktuellen Leitthemen entnommen, den lokalen Gegebenheiten angepasst, als Kontraste dargestellt und in einem Mix aus Inszenierung, sozialem Engagement und Auflehnung propagiert werden.