Konkurrierende Deutungen des Sozialen. Geschichts-, Sozial- und Wirtschaftswissenschaften im Spannungsfeld von Politik und Wissenschaft

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„Manchmal kann auch eine vorsichtig formulierte Kritik vernichtend ausfallen. Der Politikwissenschaft in der Schweiz sei es gelungen, ‚einen spezifischen Jargon zu entwickeln, der den Eindruck von wissenschaftlicher Kompetenz vermittelte‘, schreibt beispielsweise Hans-Ulrich Jost, emeritierter Geschichtsprofessor, zum Triumph der Politologie. Deren ‚Erfolg beruhte nicht zuletzt auf den zahlreichen ‚staats- und politiknahen‘ Studien wie etwa dem Projekt von Ulrich Klöti, Hanspeter Kriesi und Wolf Linder über das Wahlverhalten. Der Nationalfonds investierte hier über eine Million Franken. (…) Ob dabei wissenschaftliche Erkenntnisinteressen immer optimal verfolgt werden können, ist eine andere Frage.‘ Das Zitat stammt aus dem Buch ‚Konkurrierende Deutungen des Sozialen‘ das Jost mit Claudia Honegger, Susanne Burren und Pascal Jurt geschrieben hat. Es beschäftigt sich, so der Untertitel, mit ‚Geschichts-, Sozial- und Wirtschaftswissenschaften im Spannungsfeld von Politik und Wissenschaft‘. Das tönt ziemlich nüchtern. Und auch wenn den AutorInnen durchaus bewusst ist, dass sie ‚Teil des Feldes‘ und damit keineswegs objektiv sind: Die Studie ist sorgfältig recherchiert, die Thesen zur Entwicklung der Sozialwissenschaften werden genaustens belegt. Dafür wurde unter anderem eine umfassende Datenbank mit Titeln der Vorlesungen und Seminarien sowie der Artikel in den wichtigsten Fachzeitschriften für die Zeit von 1943 bis 2000 aufgebaut.“
Roman Schürmann, WOZ Die Wochenzeitung, Nr. 36/2007

„In der Schweiz sind wissenschaftsgeschichtliche und wissenssoziologische Studien dünn gesät. Das ist umso bedauerlicher, als diese nicht nur die Entwicklung einzelner Disziplinen, sondern mittels der Untersuchung der Wissenschaftspolitik auch das Selbstverständnis einer Gesellschaft erhellen können. Eine unter der Leitung der Soziologin Claudia Honegger und des Historikers Hans-Ulrich Jost entstandene Studie legt nun eine mit dem politisch-sozialen Kontext verwobene Geschichte der modernen Sozialwissenschaften (Geschichte, Staatsrecht, Statistik, Politologie, Soziologie und vor allem Wirtschaftswissenschaften) in der Schweiz von den Anfängen der Aufklärung bis heute vor. Als eine noch die akademische Gegenwart dominierende Figur tritt der für den Staat ‚nützliche Ingenieur‘ auf, der mit der ETH Zürich gar eine vom Bund geförderte Rekrutierungsbasis erhielt. An dieser Idealfigur, so die originelle, zuweilen etwas verzettelt wirkende Pionierstudie, werden die an ‚institutioneller und intellektueller Schwäche‘ leidenden Sozialwissenschaften noch immer gemessen. Mehr noch: Während die Ingenieur- und Naturwissenschaften weiter wissenschaftspolitisch privilegiert würden, drohten die Sozialwissenschaften gar die Deutungsmacht über ihr ureigenes Gebiet, das Soziale, zu verlieren und sich in einer zusehends technokratisierten Akademie im Abseits wiederzufinden. Generell sollte sich ‚die Universität nicht weiter in Richtung einer Nützlichkeitsinstitution entwickeln, die zur Ausbildung von Sklaven einer auf Effizienz, auf Wachstum und auf Verfolgung materieller Ziele orientierten Gesellschaft dient‘. – Dieser Satz allerdings stammt nicht von den Autoren, sondern aus der von ihnen zitierten ‚Neuen Zürcher Zeitung‘ von 1968.“ Urs Hafner, Neue Zürcher Zeitung, Nr. 149/2007

„Die Politologen Claude Longchamp, Andreas Ladner, Hans Hirter und neuerdings auch der Politgeograph Michael Hermann: Alle sind sie seit der Wahlschlappe der SP in Zürich in den Medien präsent. Und verkünden mehrheitlich die gleiche Weisheit: Die SP müsse nach rechts rutschen. So weit, so klar. Doch: Wie schaffen diese Politikwissenschaftler eigentlich ihr Wissen? Ist es Meinungsforschung oder Wissenschaft? Oder gar Politik? Spannende Antworten liefert das kürzlich erschienene Buch ‚Konkurrierende Deutungen des Sozialen‘, das die Berner Soziologieprofessorin Claudia Honegger unter anderem zusammen mit dem emeritierten Lausanner Geschichtsprofessor Hans-Ulrich Jost herausgab. Auf starken 400 Seiten zeigen die Autorinnen und Autoren anhand einer beeindruckenden Fakten- und Analysedichte, wie sich Geschichts-, Sozial- und Wirtschaftswissenschaften in der Schweiz entwickelt haben. Und welche Rolle dabei Politik und Wirtschaft spielten. Pikante Einsicht: Den bürgerlichen Eliten passte mal diese und mal jene Wissenschaft besser ins politische Konzept. Das hatte Auswirkungen auf die Verteilung der Fördergelder. Das hatte aber auch direkte Konsequenzen für die Forschung selbst: Den ‚politisch genehmen‘ Wissenschaften, die ihre Auftraggebern jene Dienstleitungen und jene Legitimation lieferten, die diese verlangten, kam bei diesem Kuschelkurs die Forschungsfreiheit abhanden. So teilweise auch den Politwissenschaften.“
Marie-Josée Kuhn, Work. Die Zeitung der Gewerkschaft, 11. Mai 2007