Karin Gasser (2002): Stadt und Delinquenz. Theoretische und empirische Beiträge der Chicago School of Sociology, 1920-1937.

Das Interesse der Sozialwissenschaften an dem Phänomen der urbanen Delinquenz ist in jüngster Zeit wieder erstarkt, da die Statistiken auf eine zunehmende Kriminalitätsrate seit den 1960er Jahren, vorwiegend in städtischen Räumen, hinweisen. Es stellt sich nun die Frage, wie sich delinquentes Verhalten in Städten theoretisch begründen und empirisch erforschen lässt. Nach Antworten darauf suchte eine Gruppe äusserst innovativer und neugieriger Soziologen an der Universität Chicago bereits vor achtzig Jahren.

Die Arbeit zeigt auf, wie die Wissenschaftler am Department of Sociology zwischen 1920 und 1937 vor dem Hintergrund der Grossstadt Chicago urbane Delinquenz erklärten, wie sie vorgingen, um das Phänomen empirisch zu erfassen und welche Wirkungen ihre Arbeiten auf spätere Forschungen hatten. Die Stadt Chicago, die anfangs des zwanzigsten Jahrhunderts durch rasantes Wachstum und raschen sozialen Wandel geprägt war, bot den Soziologen eine Art „natürliches Labor“, in welchem das gesellschaftliche Leben in all seinen Facetten untersucht werden konnte. Die wachsende Managerklasse verlangte von der Wissenschaft die Lösung der massiven sozialen Probleme in der Grossstadt, da sie das für das Wirtschaftswachstum notwendige stabile Klima in Gefahr sahen. Unter diesen Bedingungen entwickelten die Chicagoer Soziologen rund um Robert E. Park ihre liberalen Vorstellungen von Gesellschaft, Stadt und Delinquenz. Sowohl mit qualitativen als auch mit quantitativen Forschungsmethoden untersuchten sie die Situationen von Gangs, delinquenten Jungen und professionellen Dieben. Dabei fanden sie heraus, dass sich das Phänomen Delinquenz nicht gleichmässig über die Stadt verteilte, sondern vorwiegend auf einige wenige Stadtteile. Die Analyse des physischen und sozialen Raums war deshalb immer Ausgangspunkt der Chicagoer Forschungen. Im Zentrum der ungewöhnlich detailreichen Untersuchungen standen aber stets die Betroffenen selbst sowie ihre subjektiven Interpretationen.