Gängelt die Industrie die Forschung?

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DURCH DEN MONAT MIT DER SOZIOLOGIN CLAUDIA HONEGGER (TEIL 5)

Die Berner Soziologieprofessorin Claudia Honegger erklärt, warum sie keine Freude hat an den verschulten Lehrgängen und weshalb es gefährlich ist, wenn Unis immer abhängiger von privaten Geldgebern werden.

Von Susan Boos 

WOZ: Frau Honegger, sind Sie glücklich?
Claudia Honegger: Ein Talent zum Glücklichsein als Dauerzustand habe ich wohl nicht. Aber Momente tiefen Glücks erwische ich immer wieder.

Ende der neunziger Jahre haben Sie ein Buch mit dem wunderbaren Titel «Das Ende der Gemütlichkeit. Strukturelles Unglück und mentales Leid in der Schweiz» herausgegeben. Darin sind dreissig Personen porträtiert. Wie kam es zum Buch?
Wir hatten uns vom französischen Sozio­logen Pierre Bourdieu inspirieren lassen, der mit «La misère du monde» etwas Ähnliches gemacht hatte. Es ging uns darum, nachzuspüren, wie die Leute mit dem Wandel, mit der Beschleunigung umgingen. Es kamen Bauern, Krankenschwestern, entlassene Arbeiter oder Manager, aber auch Jugendliche ohne Lehrstelle zu Wort.

Wenn man den Bogen zu heute schlägt – was hat sich verändert?
Das Durcheinander von heute war damals schon erkennbar. Spontan kommt mir «Die neue Unübersichtlichkeit» in den Sinn, wie es der deutsche Philosoph Jürgen Habermas einmal genannt hat. Wir fühlen uns immer mehr getrieben, verunsichert, überfordert und wirken total verhühnert. Schauen Sie diesen Monat an – unglaublich, was alles passiert ist, das wir nicht einordnen können. Das Erd­beben in Japan, die Reaktorkatastrophe in Fuku­shima, die kein Ende nimmt, die Proteste in der arabischen Welt, der Krieg in Libyen.

Erstaunlicherweise ist es in der Schweiz ziemlich ruhig. Die Anti-AKW-Bewegung hält – anders als in Deutschland – nur leise Mahnwachen ab, keine lauten Proteste. Haben Sie eine Erklärung dafür?
Vielleicht ist es die Saturiertheit, in der wir leben. Wir können über alles Mögliche abstimmen und glauben, wir seien beteiligt – auch wenn wir es oft gar nicht sind. Die ausserparlamentarische Opposition ist in den letzten Jahren ziemlich aus der Mode gekommen. Aber vielleicht ändert sich das ja wieder – wie gerade in London zu beobachten ist.

Sie haben an der Universität Bern zwanzig Jahre lang Soziologie gelehrt. Was waren die unangenehmsten Veränderungen?
Der administrative Aufwand hat massiv zugenommen. Die Verwaltungsstellen sind förmlich explodiert, es gibt viel mehr Studierende, doch die Zahl der Professoren ist gleich geblieben, die Lehre hat an Wert verloren. Es gibt immer mehr Evaluationen, alles wird quantifiziert. Und man muss möglichst viel Geld reinholen. Die Biotechnologie hat es natürlich einfacher, in der Industrie Partner zu finden. Oder die Atomtechnik, der die AKW-Industrie an der ETH Zürich gleich einen Lehrstuhl finanziert.

Ist es grundsätzlich heikel, wenn die Forschung von Geld von aussen abhängig ist?
Es kann sehr sinnvolle Partnerschaften geben, es kann aber auch delikat werden, wie sich dies jetzt gerade bei der London School of Economics (LSE) gezeigt hat.

Was war da los?
Einer von Gaddafis Söhnen, Saif al-Islam Gaddafi, hat an der LSE seinen Doktor gemacht. Saif al-Islam ist derjenige, der Ende Februar am libyschen Fernsehen die berühmte Rede gehalten hat, die Gaddafis würden «bis zur letzten Kugel» gegen die Aufständischen kämpfen. Das Gaddafi-Regime hat der LSE während Jahren beträchtliche Summen zukommen lassen. Jetzt ist das natürlich höchst peinlich, und der Direktor musste zurücktreten.

Sie haben sich schon kritisch über die Bologna-Reform geäussert. Was missfällt Ihnen daran?
Verschiedenes. Zum Beispiel gibt es eine Titelinflation. Man weiss gar nicht mehr, was die Leute studiert haben. Sie tragen den Titel Bachelor of Arts oder Master of Science in irgendetwas von irgendeiner Institution – doch was können die Leute genau? Die Titelinflation führt zu einer Abwertung des akademischen Grades. Hinzu kommt die Verschulung. Die Studierenden sollen zwar fleissig lernen, aber Eigeninitiative ist nicht mehr erwünscht.

Vor einigen Jahr wollte der Rektor der Uni Bern die Soziologie abschaffen, weil er Politikwissenschaft für wichtiger hielt. Warum?
Vermutlich glaubte man, Bern als Bundeshauptstadt habe viel mit Politik zu tun und brauche deshalb mehr Politologie, aber keine Soziologie mehr. Das konnte allerdings verhindert werden.

Trotzdem haben Sie vor zwei Jahren die Uni verlassen, weil Ihnen der neue Bachelor-Lehrgang in Sozialwissenschaften nicht behagte. Was kritisieren Sie daran?
Da geht es auch um die Verschulung. Ich war immer der Meinung, wenn jemand Sozio­logie studiert, brauche er ein zweites Standbein. Früher haben die Leute neben Soziologie noch Geografie oder Islamwissenschaft oder Geschichte studiert – das gab eine vielfältige Ausbildung. Beim sozialwissenschaftlichen Bachelor von heute ist das nicht mehr möglich, der gibt genau vor, was die Studierenden belegen müssen. Diese sind lediglich noch daran, die vorgegebenen Prüfungen abzuarbeiten. Das ist doch eine Infantilisierung des Studiums.

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