Eva Heinimann (2006): Auf der Wartebank. Jugendliche im Motivationssemester.

Seit einigen Jahren übersteigt die Anzahl Schulabgängerinnen und Schulabgängern das Angebot an Ausbildungsplätzen des dualen Bildungssystems. Unter dem Druck ansteigender Meldezahlen jugendlicher Erwerbsloser bei der regionalen Arbeitsvermittlung (RAV) hat das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) Mitte der Neunziger Jahre die so genannten »Motivationssemester« ins Leben gerufen. Diese bestehen als arbeitsmarktliche Massnahme im Rahmen der Arbeitslosenversicherung und sollen mittels der Komponenten »Bildung, Beschäftigung und Beratung« die Jugendlichen auf die Anforderungen der Arbeitswelt vorbereiten.

Das Ziel vorliegender Studie besteht darin, die Problematik des Übergangs in Ausbildung und Erwerbstätigkeit sowohl von der Struktur- wie auch der Subjektperspektive her zu beleuchten. Welche normativen Ansprüche und Erwartungen treffen Jugendliche im Motivationssemester an? Auf welche Art und Weise prägen institutionelle Handlungsvorgaben subjektiv bedeutsame Berufswahl- und Übergangsprozesse? Eine vertiefte Auseinandersetzung mit den spezifischen Sinn- und Bedeutungsstrukturen der Motivationssemester verlangt nach einer qualitativen Herangehensweise. Die Analysen einer Informationsbroschüre des Seco wie auch der Interviews mit vier Teilnehmenden erfolgen daher nach der fallrekonstruktiven Methode der Objektiven Hermeneutik. Eine umfassende Darstellung der schweizerischen Lehrstellen- und Bildungspolitik stellt den thematischen Kontext der Studie dar. Nicht zuletzt soll die Zusammenführung von Struktur- und Subjektperspektive die Diskussion der Frage ermöglichen, inwiefern die Motivationssemester zu einem erfolgreichen Übergangsprozess beitragen und ob es ihnen gelingt, Ausgrenzungsrisiken des schweizerischen Übergangssystems zu verringern.

Die Strukturlogik der Motivationssemester birgt offensichtliche Widersprüche in sich, welche den bisher kritiklos dargestellten Erfolg dieser Massnahme in Frage stellen. Das rekonstruierte institutionelle Selbstverständnis beruht auf der Annahme, dass Misserfolge der Jugendlichen am Arbeitsmarkt persönlich verschuldet sind. Im Zuge dieser Begründungslogik der Individualisierung struktureller Problemlagen wird die Lehrstellenproblematik als Vermittlungsproblem dargestellt, das sich mit erzieherisch ausgerichteten Strategien – insbesondere der Aneignung von »Arbeitstugenden« wie Pünktlichkeit, Fleiss und Pflichtbewusstsein – lösen lässt. Der institutionelle Anspruch einer Hilfestellung zur Integration in die Arbeitsgesellschaft wird damit gleichzeitig durch eine implizite Stigmatisierung aufgeweicht. Im Weiteren muss den Motivationssemestern eine Handlungslogik attestiert werden, die dem Prinzip des Unterkommens verpflichtet ist. Der auf den Trägern lastende Erfolgs- und Rechtfertigungsdruck grenzt damit den Handlungsspielraum einer Beratungstätigkeit ein, die den individuellen Problem- und Lebenslagen der Jugendlichen wie auch der Instabilität ihrer biografischen Perspektiven gerecht werden kann.