Die Zukunft im Alltagsdenken: Szenarien aus der Schweiz

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„Die ausgewählten 80 Personen stammen aus fünf für die Schweiz typischen Branchen: Landwirtschaft, Tourismus, Uhrenindustrie, Bankenwesen, chemische Industrie. Im Verlauf der Untersuchungen erkannten die Soziologen der Universität Bern, dass sie auch das Berufsfeld der Hausfrau genauer analysieren mussten. Honegger, Bühler und Schallberger befragten aber nicht Einzelpersonen, sondern interviewten – jeweils einzeln – so genannte ‚Familienkaros‘, das heisst im Idealfall: Vater und Mutter sowie Sohn und Tochter im jungen Erwachsenenalter. So erhielten sie nicht nur Einblick ins berufliche Umfeld, sondern auch in die verschiedenen Herkunftsmilieus der ausgewählten Familien. Für das Verstehen individueller Denkweisen komme noch heute dem Herkunftsmilieu und dem Berufsfeld eine grosse Bedeutung zu, folgern die Autoren. Die gewonnenen Gesellschaftsbilder seien weder rein subjektive Entwürfe noch beliebige Einfälle einzelner Individuen, sondern entstammten bestimmten Denktraditionen. So zeigt das Buch, dass es noch heute mehr soziale Überlieferungen gibt, als dies die gängigen Studien zur Individualisierung proklamierten. Aus den 80 Interviews kristallisierten die Berner Wissenschaftler fünf ‚Typen‘ von Zukunftsszenarien und deren unterschiedliche Facetten heraus: ‚Fortschreitende Modernisierung‘, ‚Verselbständigung der Ökonomie‘, ‚Bedrohung der Solidargemeinschaft‘, ‚Fragmentierte Gesellschaft‘ sowie ‚Individualistische Reduktion von Zukunft‘. Diese werden im Buch jeweils anhand einer konkreten Person anschaulich dargestellt.“
Florence Vuichard, Der Bund, Nr. 149/2002

„Zusammenfassend kommen Honegger, Bühler und Schallberger zum Schluss, dass angesichts einer Ökonomisierung, die häufig als allumfassend empfunden werde, der Schrecken in der Schweizer Bevölkerung tief sitze. Ohnmachtsgefühle und Resignation seien weit verbreitet. Wirklich euphorisch seien eigentlich nur jüngere Männer mit einem theoretischen Hintergrund in den Wirtschaftswissenschaften, während etwa Vertreter der technisch-naturwissenschaftlichen Intelligenz eine zunehmende Dominanz ökonomischen Denkens beklagten. Vor allem bei vielen Frauen seien Ängste spürbar vor einer entfesselten Wirtschaft, deren Mechanismen ihnen undurchsichtig blieben. Die Frauen, auch jene der jüngeren Generation, verfügten insgesamt offenbar über weniger Möglichkeiten als die Männer, die gesellschaftlichen Prozesse zu durchschauen und zu deuten. Allzu oft, schreiben die Autorinnen und der Autor der Studie, seien ihnen die Frauen in den Interviews zögerlicher, zurückhaltender, kleinlauter, ängstlicher begegnet als ihre Ehemänner und Brüder. Diese hätten genügend Ressourcen, um sich selbstbewusst bis selbstherrlich, dezidiert bis lautstark über die Schweiz, die schweizerische Gesellschaft und ihre Zukunft auszulassen. Die von allen in den Interviews immer wieder beschworene Kultur der Bescheidenheit gelte offenbar vor allem für die Frauen, deren Zurückhaltung erschreckend häufig in Sprachlosigkeit münde. In einem seien sich so gut wie alle Interviewten einig, berichtet das Berner Soziologenteam: in der Ablehnung des Grossen. Grossbanken, grosse Konzerne, die durch Fusionen noch grösser werden, Gross-Amerika, Gross-Europa weckten Skepsis. Small is beautiful, lautet die trotzige Parole. Die Studie liefert nicht nur eine Fülle von soziologisch aufschlussreichen Ergebnissen. Sie ist dank den anschaulich geschilderten Fallbeispielen zumindest in diesen Abschnitten auch spannend zu lesen.“
Heinz Däpp, Basler Zeitung, Nr. 179/2002

„Claudia Honeggers Studie über ‚Die Zukunft im Alltagsdenken‘ ist dem Glück, dem flüchtigen Gesellen, auf der Spur; sie beschreibt kein Land verdüsterter Leidgenossen, sie nimmt Menschen ernst in ihrer Ambivalenz: ‚Gänzlich frei von Panik zeigen sich die wenigsten. Ohnmachtsgefühle und Resignation sind weit verbreitet. Wirklich euphorisch sind nur jüngere Männer mit einem theoretischen Hintergrund in den Wirtschaftswissenschaften, während etwa Vertreter der technisch-naturwissenschaftlichen Intelligenz eine zunehmende Dominanz ökonomischen Denkens beklagen. Auch bei vielen Frauen überwiegen Ängste vor einer entfesselten Wirtschaft, deren Mechanismen ihnen undurchsichtig bleiben‘. Allen Befragten gemeinsam ist eine ‚Ablehnung des Grossen‘ – eine Skepsis gegen Grossbanken, grosse Konzerne, das grosse Europa oder Amerika.“
Christine Richard, Basler Zeitung, Nr. 1/2003

„Methodisch lehnt sich das Buch an den französischen Soziologen Pierre Bourdieu an – mit dessen Büchern teilt es sich den Vorzug, dass es Kennern wie Nichtfachleuten überraschende Einsichten in die wirkliche Verfassung der Gesellschaft gewährt.“
Rudolf Walther, Tages-Anzeiger, 5.07.2002