Andrea Glauser (2003): More than a watchdog. Marion Talbot und die Chicago Sociology.

Dieses werkbiographische Portrait rekonstruiert Marion Talbots Ort im wissenschaftlichen Diskurs. Es nimmt ihre Bildungsgeschichte sowie ihre institutionelle Einbindung an der Universität Chicago in den Blick, fragt nach motivationalen Relevanzen und skizziert ihr Verhältnis zur frühen Chicago Sociology.

Marion Talbot (1858-1948) war eine der ersten Frauen mit Hochschulabschluss und akademischer Anstellung. Während dreissig Jahren war sie Mitherausgeberin und Autorin des American Journal of Sociology. Als die University of Chicago 1892 ihre Tore öffnete, gehörte sie zur Startformation des weltweit ältesten soziologischen Departements. Weil sie dort bald in aufreibende Konflikte verstrickt war, verabschiedete sie sich von ihm und seinen sechs Männern und wurde 1904 Professorin am Department of Household Administration. Die Historiographie der Chicago Sociology rezipierte sie mehrheitlich als frühe Vertreterin der Disziplin Home Economics. Feministische Forscherinnen, die sie ab den späten 1970er Jahren gleich mehrfach (und nicht ohne Augenzwinkern) als »sleeping giant« entdeckten, feierten sie als »watchdog at the University of Chicago« – als Kämpferin für die Rechte des ›schönen Geschlechts‹ im Bereich der Hochschulbildung. Doch in wissenssoziologischer und wissenschaftsgeschichtlicher Hinsicht blieb sie hier wie dort unterbeleuchtet. Mit Ausnahme ihrer von bittersüssem Humor durchzogenen Autobiographie »More than Lore« (1936) stiessen ihre zahlreichen Studien und Abhandlungen ebenso wie ihr akademischer Werdegang kaum auf Interesse.

Die vorliegende Arbeit präsentiert Marion Talbot als ›Grenzgängerin‹, die dem Projekt der Social Science und seiner interdisziplinären Ausrichtung verbunden war; als Pionierin im Bereich der Geschlechterforschung sowie als originelle Denkerin, die in soziologischer Perspektive Phänomene und Probleme moderner Gesellschaft erkundete – insbesondere im Bereich der Bildung und des Haushalts –, und gemeinsam mit ihren Freundinnen Sophonisba Breckinridge und Edith Abbott für eine sozialhistorisch, aufklärerisch-humanistisch orientierte und explizit anti-biologistische Chicago Sociology steht. Die Studie widmet sich eingehend Talbots Monographien »The Education of Women« (1910) und »The Modern Household« (1912) sowie wissenschaftsprogrammatischen Aufsätzen, die unter anderem im American Journal of Sociology erschienen sind.